800 Beine tanzen 800 Takte Tanzmusik - Event zur 800-Jahr Feier Dresdens am 09.09.2006 im Ballhaus Watzke
Um ein Fazit vorwegzunehmen: Diese Veranstaltung hat den Tanzsport im Rahmen des Dresdner Stadtjubiläums würdig vertreten und war für die 100 Aktiven und Gäste am Nachmittag sowie 250 am Abend in vielen Dingen erfrischend anders als "gewöhnliche" Ballturniere. Die Gäste und Aktiven hatten viel Freude, allein deshalb wird der Tag vielen Zuschauern gut im Gedächtnis bleiben. So war am Ende auch niemand traurig, dass nur 700 Beine zusammenkamen, die 800 Takte tanzten.
Da wäre zunächst das Wertungsgericht, dass rein aus weiblichen Richterinnen bestehen sollte und am Ende mit der überraschungs-"Hilfsfrau" Gerhard Oehmig spontan männlich komplettiert wurde. Im langsamen Walzer der Senioren, dem ersten zu wertenden Tanz seiner jungen Karriere überhaupt, war die Pulsfrequenz noch zu hoch, dass der doppelt vergebene zweite Platz eine zwangsläufige Tatsachenentscheidung war. Fortan hat der LTVS-Schatzmeister diesen überraschungseinsatz mit buchhalterischer Präzision bravourös gemeistert.
Dass diese Leistung nicht hoch genug zu bewerten ist, zeigt der Umstand, dass die Wertungsrichter die Platzziffern in umgekehrter Reihenfolge vergeben mussten und dies auch noch verdeckt, so dass nicht eine Chance zum "Abgucken" bei den weiblichen "Profis" bestand.
Auch Profiwertungsrichterinnen hatten dieses Problem...mit den doppelten Zahlen
Kurz vor dem Start wunderten sich die eingelassenen Gäste, warum den drei Herren auf der Bühne niemand beim Kisten tragen half, so doch genügend junge kräftige Männer im Saal waren. Als sich die Herren kurz nach getaner Arbeit blaue Glanzhemden anzogen, wurde klar: Das ist die Livekapelle aus Chemnitz, die mit dem letzten Tropfen Schweiß ihre Technik pünktlich hingezaubert hatte. Das Repertoire der rhythmisch feinfühligen Band war moderner als es das scheinbare Alter der Vortragenden vermuten ließ und lockte das begeisterungsfähige Publikum zügig auf die Fläche.
Für die eben erwähnte Begeisterungsfähigkeit gab es an diesem Abend einen konkreten Messwert: Die Zahl der Teilnehmer an der Publikumswertung. Mit 200 überaus sachkundig abgegebenen Stimmzetteln je Gruppe mit 1 bis 3 Kreuzen wurde eine überwältigende Beteiligungsquote erreicht, die an die vor 1989 üblichen Wahlbeteiligungen nahtlos anknüpfen konnte. Die Kritiker dieser Wertungsart mussten sich eingestehen: RTL macht's möglich, das tanzbegeisterte Publikum in Dresden hat nach dieser Form demokratischer Mitbestimmung bei Ballturnieren förmlich gelechzt (Einige fragten sogar nach Einzelwertung!). Die Ansagerin im Protokollteam - Ina Trodler - hatte nach der Erfassung von ca. 1.000 Einzelwertungen mit belegter Stimme ein ähnlich tiefgreifendes Bedürfnis: Flüssigkeitsnachschub.
Aber: Begeisterung beim Publikum muss vorher entsprechend geschürt werden: Dafür waren gleich zwei Herren eingeteilt, die in Dresden das Maß aller
Dinge in Sachen Turniermoderation darstellen: Dietrich Rupp und Michael Hölschke. Beide mussten gleich zu Beginn der Veranstaltung einen für Doppelmoderation
essenziellen Lernprozess durchleben: Wie bekomme ich die Schwingungen meiner Stimmbänder in den Griff, wenn mein Trommelfell spürt, dass das andere Mikrofon
gerade spricht ...?
Des einen Dresden-historische Sachkenntnisse und des anderen Talent, allseits unbeliebte Kunstpausen tänzerischen Umziehens mit komischem Talent kurzweilig zu
überbrücken, waren das Eintrittsgeld wert.
Apropos: Umziehen. In dieser Beziehung haben Christoph&Blanca den Moderatoren tatsächlich soviel abverlangt, wie sich selbst auch. Das neue Schautanz-Programm bot für das geübte Auge viele schöne und interessante Bilder (z.B. Zebrastreifen-Hosenrock), die nicht alle die gewünschte Wirkung beim Publikum erzielten.
seltener Anblick: Hosenrock beim Standardtanz
Höhepunkt des gesamten Abends: Die barfüßige Samba in Sommer-Sonne-Strand-und-Meer-Kleidung verfolgten zahlreiche halb umgezogene Tänzer des direkt vorher zu Ende gegangenen Mannschaftskampfs von der Balustrade der Umkleideräume und erlebten einen wahren Beifallssturm, mit dem sich die Zuschauer für 90 Sekunden leibhaftig gewordene Urlaubsgefühle angemessen bedankten.
atemberaubend... da wurde das Parkett regelrecht sandig
Die neue viel anspruchsvollere Paso-Doble-Choreographie im Zeichen technischer Vollendung spanischer Volkskunst mit Kastagnetten verdient höchste Anerkennung, reißt das Publikum allerdings nicht so mit, wie die frühere Stierkampf-Choreographie. Eines musste dafür vor allem hart trainiert werden: Kraftausdauer in den Handgelenken der Dame. Für Moskau wird dies zum Glück nicht notwendig sein, nach den Standing-Ovations und einem "Zugabe-Tango" war ihnen das Daumendrücken aller Zuschauer für den WM-Titel gewiss.
Zurück zu den auf der Balustrade zuschauenden Tänzern, die die eigentliche Attraktion des Abends waren. Sechs vereinsmäßig bunt gemischte Mannschaften mit drei bis fünf Paaren wurden mit barocken Mannschaftsnamen ausgeschmückt. Alle Paare versuchten in ihren Alterklassen und Sektionen das Bestmögliche herauszuholen, bestens unterstützt durch die hervorragende Musikauswahl von Andre Markert, dessen Aufleger-Qualität in Dresden konkurrenzlos ist. Ein großer Dresdner Verein entsandte leider nur eine Wertungsrichterin, obwohl einige Junioren-Paare nach eigenem Bekunden gern gekommen wären. Da dieser Verein einen Großteil der Dresdener Juniorenpaare beheimatet, war die Lücke in dieser Altersklasse organisatorisch um so schwieriger zu schließen. Am Ende konnten die Hofnarren und Baumeister nichts gegen die Adligen und dessen Juweliere ausrichten, wenngleich der August nicht so stark war, wie es die Geschichtsbücher vorgeben. Dank eines (zu) spät entdeckten Rechenfehlers - der einzigen Panne an diesem Tag - kamen am Ende sogar zwei Mannschaften in den Genuss des ersten Platzes.
barocke Mannschaft aus 4 Vereinen (Excelsior, Serenade, Galaxy und Residenz)
Spannend für die Paare ist das kennen lernen ihrer Publikumswirksamkeit. Rene Arndt / Maria Heinrich waren hier mit mehr als doppelt soviel Stimmen aus dem Publikum klare Sieger. An der Spitze lieferten sich zwei frisch getrennte Ex-Partner ein Kopf-an-Kopf Rennen. Christian Langer und Jenny Müller. Der Herr erzielte mit seiner "Neuen" Caroline Götze allerdings mit 166 Stimmen den absoluten Publikumsrekord, da konnte Jenny mit ihrem aus der brandenburgischen Neißeregion "importierten" Partner Walter Wolf nicht gegenhalten.
Weitere spannende Fragen nach der Wirksamkeit von ungewöhnlichen Accesoires wie Bärten oder Kopfbedeckungen beantwortete das Publikum ebenfalls bereitwillig: Karsten Wendt, von seinen Mitstreitern wegen seiner Körpergröße und des Haarschmucks im Kinnbereich auch liebevoll "großer Zwerg" genannt wird, musste erkennen, dass ihn die Zuschauer mit erheblichen Punktabzügen bedachten. Anja Schulze erging es mit ihrer Kopfbedeckung allerdings nicht wirklich besser. Sie und ihr Partner Andreas Rachow, der auf dieser Veranstaltung für das richtige Licht gesorgt hatte, konnten sich später mit einer Swing-Formation zum Ausgleich ihren Sonder-Beifall abholen.
Eröffnet wurde die Veranstaltung von einer irischen Steptanzgruppe, die im
Originaltext des internen Regieplans der Organisatoren wie folgt angekündigt
wurde: "19:00 Uhr Opening Irish Dance (Geßner) Knaller !!!!"
Damit sich die vom Autor erhoffte Wirkung einstellt, musste das Publikum
kräftig mithelfen. Durch den frühen Auftrittszeitpunkt waren die Zuschauer noch
nicht soweit wie erhofft aus der Reserve zu locken. Als Lohn für die
gezeigten technischen Finessen der synchronen Parkettbeschallung kam vom
Präsidenten des LTVS prompt ein "feindliches übernahmeangebot" zur Integration in den Schoß
des Deutschen Tanzsportverbandes. Eine Bereicherung wäre diese Tanzgruppe allemal.
Rückblickend auch auf die Workshops am Nachmittag bleibt festzustellen, dass sich mit Ausnahme weniger Vereine, die höfliche Zurückhaltung übten, alle im Rahmen ihrer Möglichkeiten einbrachten. Da das Publikum zumeist aus den Reihen der beiden Vereine der Ausrichtergemeinschaft TSK Residenz und TSC Excelsior kamen erfüllte sich die Hoffnung nicht, zahlreiche Außenstehende am Tanzen zu begeistern und lässt darauf schließen, dass nicht alle Tanzinteressierten Dresdner rechtzeitig davon erfahren haben.